von Robert Langer
Feuer im Werk in Wales, niemand verletzt, Liefertermine offen. Und eine Firma, die Rahmen baut wie kaum eine andere.
Am Sonntagmorgen hat es im Werk von Atherton Bikes im walisischen Machynlleth gebrannt. Die Firma der Downhill-Geschwister Dan, Gee und Rachel Atherton fertigt dort jeden Rahmen selbst, auf Bestellung und in kleiner Stückzahl. Was bekannt ist, was Kundinnen und Kunden jetzt wissen müssen und warum diese Marke so viel Beachtung findet.
Was am Sonntag passiert ist
Gegen 8 Uhr Ortszeit (9 Uhr bei uns) wurde die Feuerwehr am Sonntag, 11. Oktober, zum Firmensitz von Atherton Bikes im Treowain Business Park in Machynlleth gerufen. Rund 30 Einsatzkräfte rückten an: Löschzüge aus Machynlleth, Aberystwyth und Llanidloes, dazu eine Hubrettungsbühne und ein Tankwagen der Feuerwehr aus dem englischen Oswestry. Anwohner sollten Fenster und Türen geschlossen halten, die Polizei bat darum, das Gebiet zu meiden.
Das Wichtigste zuerst: Verletzt wurde niemand. Nach Angaben der Feuerwehr gegenüber der BBC brach das Feuer im Fertigungsbereich des zweistöckigen Gebäudes aus. Fertige Bikes und die IT-Ausrüstung konnten gerettet werden. Wie gross der Schaden an Maschinen und Produktion ist, weiss derzeit offenbar nicht einmal Atherton selbst. Die Ursache ist nicht bekannt, und wir werden an dieser Stelle auch nicht darüber spekulieren.
Was das für Kundinnen und Kunden bedeutet
Noch am Sonntag hat Atherton ein Statement veröffentlicht, unterschrieben von Dan, Gee und Rachel Atherton sowie Geschäftsführer Dan Brown. Die Kernaussage: Man rechnet mit Störungen bei Produktion und Auslieferung, für verlässliche neue Termine sei es aber zu früh. Betroffene Kunden sollen direkt kontaktiert werden. Bis dahin gelten voraussichtliche Versanddaten für neue und bestehende Bestellungen ausdrücklich als unbestätigt.
| «Das sind herzzerreissende Nachrichten, wir sind absolut am Boden zerstört.»Gee Atherton in einem Video auf Instagram |
Wer ein Atherton bestellt hat: Ruhe bewahren, Bestellbestätigung und Zahlungsbelege bereithalten und die direkte Nachricht von Atherton abwarten. Bei Fragen zu Anzahlung oder Rücktritt helfen die Konsumentenschutzorganisationen weiter.
Wer hinter Atherton Bikes steckt
Dan, Gee und Rachel Atherton sind die vermutlich erfolgreichste Familie, die der Downhill-Sport je hatte. Zusammen kommen die drei Geschwister auf rund 50 Weltcupsiege und acht Weltmeistertitel. Rachel gelang 2016 die perfekte Saison: sieben von sieben Weltcuprennen plus WM-Titel.
2019 gründeten sie Atherton Bikes in Machynlleth, einer Kleinstadt in Mittelwales. Ganz bei null fingen sie nicht an: Die Technik stammt von Robot Bikes, die das Prinzip aus 3D-gedruckten Titanteilen und Carbonrohren schon ab 2016 in Serie gebracht hatten. Fünf Minuten vom Werk entfernt liegt der Dyfi Bike Park der Familie, der gleichzeitig als Testgelände dient. Sportlich hat sich das Konzept längst bewiesen: 2023 holten Charlie Hatton und Andreas Kolb auf Atherton-Rahmen Gold und Silber bei der Downhill-WM in Fort William. Laut Hersteller gehen inzwischen mehr als zwei Drittel aller Bikes an Kunden ausserhalb Grossbritanniens.
Was die Bikes so anders macht
Die meisten Carbonrahmen entstehen in teuren Formen, eine pro Rahmengrösse. Atherton macht es anders und arbeitet mit Muffen. Eine Muffe ist ein Verbindungsstück: Die Rohre werden hineingesteckt und verklebt, statt verschweisst oder als Ganzes in einer Form gebacken. Bei der Topserie (A-Range) bestehen diese Muffen aus Titan und kommen aus dem 3D-Drucker. Ein Laser schmilzt dort Titanpulver Schicht für Schicht zur fertigen Form zusammen. Die Carbonrohre werden mit einer Klebetechnik aus dem Flugzeugbau eingesetzt.
Der praktische Vorteil für dich als Fahrer: Weil keine Form pro Grösse gebaut werden muss, kann Atherton extrem viele Grössen anbieten. Der Reach, also der waagrechte Abstand zwischen Tretlager und Lenkkopf und damit das wichtigste Mass dafür, wie lang sich ein Bike anfühlt, reicht bei der A-Range von 410 bis 530 mm. Beim Enduro A.170 sind das 22 verschiedene Geometrien, dazu kommt gegen Aufpreis eine komplett individuelle Variante. Zum Vergleich: Viele grosse Marken bieten vier oder fünf Grössen an.
| Atherton verkauft nicht das Bike in M oder L. Atherton verkauft das Bike, das zu dir passt. |
Dieselbe Idee gibt es seit 2024 günstiger in Aluminium (S-Range). Hier werden die Muffen aus hochfestem 7075-Aluminium gefräst und mit Alurohren verklebt. Kleben statt Schweissen erlaubt genau diese feste Legierung, die sich schlecht schweissen lässt. Die S-Range gibt es in zwölf Grössen, die Rahmen sind nach EFBE Kategorie 5 geprüft, der höchsten Belastungsstufe des Prüfinstituts, also Downhill-Niveau.
Der zweite Baustein ist der Hinterbau, also das Gelenksystem, das das Hinterrad federn lässt. Entwickelt hat ihn Dave Weagle, einer der bekanntesten Federungskonstrukteure der Branche. Die Carbon-Titan-Bikes nutzen eine Version mit sechs Gelenken (DW6), die Alu-Bikes eine mit vier (DW4). Das Ziel: Das Rad soll auf kleine Schläge sehr fein reagieren und trotzdem nicht im Federweg versinken. Genau das bestätigen Testfahrer übereinstimmend als grösste Stärke.
Seit August 2026 lässt sich ein Atherton online konfigurieren, inklusive Hinterbaulänge: 5 mm kürzer für mehr Wendigkeit oder 5 mm länger für mehr Laufruhe. Und mit dem S.170E gibt es inzwischen auch ein E-MTB mit dem Avinox-Antrieb von DJI und 700-Wh-Akku. Das E-Bike liefert Atherton 2026 nur nach Grossbritannien und Europa.
Was ein Atherton kostet
Billig ist das alles nicht. Komplettbikes der Alu-Serie starten laut Atherton-Website bei 4.899 Pfund (S.150), die Carbon-Titan-Bikes bei 7.299 Pfund (A.150), das A.170 bei 9.199 Pfund. Rahmensets kosten 2.999 Pfund (Alu) beziehungsweise ab 4.949 Pfund (Carbon-Titan). Das E-MTB S.170E beginnt bei 6.999 Pfund. Alle Pfundpreise enthalten britische Mehrwertsteuer.
Preise in Franken führt Atherton nicht. Die Euro-Preise auf der Website verstehen sich ohne britische Mehrwertsteuer. Bei der Einfuhr in die Schweiz kommt die Mehrwertsteuer von 8,1 Prozent dazu, plus allfällige Gebühren für die Verzollung.
Und ein Detail, das gern überlesen wird: Die lebenslange Rahmengarantie gilt für den Erstbesitzer und deckt Material- und Verarbeitungsfehler ab. Sturzschäden, Verschleiss und Transportschäden sind ausdrücklich ausgenommen. Lebenslang heisst also nicht: Crash-Ersatz für immer.
Was die Community sagt
In den deutschsprachigen Bike-Foren überwiegt klar das Mitgefühl. Ein früher Kommentar, der reflexhaft Versicherungsbetrug ins Spiel brachte, wurde von anderen Fahrern umgehend zurückgewiesen. Leider driftete die Diskussion danach in Streitereien ab, die mit Bikes nichts mehr zu tun hatten. Ein Besitzer des E-MTB meldete sich trotzdem zu Wort und lobte, wie gut sich das Rad fährt.
Den klügsten Punkt brachten mehrere Leser ein, die selbst Brände erlebt haben: Das Problem sei selten das Geld der Versicherung, sondern die Zeit. Bis Maschinen ersetzt, eingestellt und Lieferketten wieder angelaufen sind, vergehen Monate, und die Kosten für Mitarbeiter laufen weiter. Andere wiesen darauf hin, dass verbranntes Carbon gesundheitlich heikel ist und die Aufräumarbeiten erschweren dürfte. In englischsprachigen Foren kam sogar die Idee einer Spendenaktion auf. Ein Leser brachte es nüchtern auf den Punkt: Atherton ist keine Grossmarke mit Lagerhallen voller fertiger Bikes.
Zur Marke selbst ist das Bild gemischter, und das gehört dazu. Gelobt werden fast durchgehend Fahrwerk und Rahmengefühl. Kritik gibt es an den Aufpreisen im Konfigurator, wo etwa ein Gabel-Upgrade gut 800 Pfund kosten kann, an der Beschränkung auf Mullet-Laufräder bei den Enduros (vorne 29, hinten 27,5 Zoll) und an Geräuschen: In Tests fiel ein gut gebrauchtes A.170 durch Klappern und Knarzen auf. Dazu kommt der Mehraufwand seit dem Brexit.

Atherton steht für etwas, das in der Bikebranche selten geworden ist: echte Fertigung in Europa, wenige Kilometer vom Trail entfernt, mit einem Konzept, das Passform über Stückzahl stellt.
Wir wünschen dem Team in Machynlleth viel Kraft. Sobald Atherton neue Termine kommuniziert, lest ihr es hier.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
- 100 Meter sichtbar, nicht blendend: Velolicht in der Schweiz erklärt
- TPU statt Gummi: Was die orangen Schläuche aus Wien können
- Tubeless oder Schlauch? Warum dein Gewicht mehr entscheidet als jede Glaubensfrage
- Konzernumbau bei Bosch: Wo bleibt eBike Systems?
- Bosch-Motor knackt? Das musst du zum kostenlosen Buchsentausch wissen
- Garantie oder Herstellergarantie: Was dir bei einer Pleite wirklich bleibt
- Drähte und gekappte Bremsen: Ist die Schweiz eine Ausnahme?
- Van Rysel, Continental, Cube: Zwei Wochen, die 32 Zoll konkret machen
- Cannondale verlässt Wilton: Woudenberg wird Hauptsitz, Freiburg bleibt Entwicklungszentrum
- Juliana geht in Santa Cruz auf: Was Besitzerinnen jetzt wissen müssen
- Fazua-Antrieb im Bike? Diese Fragen solltest du jetzt klären
- Isny hält seinen Hausberg am Laufen. Wer holt den Bikepark zurück?


















No responses yet