von Robert Langer
Gekappte Bremsleitungen im Karwendel, Drahtseile bei Heilbronn, ein Draht über einem Waldweg in Oberösterreich: In unseren Nachbarländern bauen Menschen immer wieder Fallen für Mountainbiker. Wir wollten verstehen, was dahintersteckt, ob die Schweiz anders dasteht und was du tun kannst, wenn du auf so eine Falle triffst.
Der jüngste Fall: Bremsen gekappt
Im Oktober wurde ein Fall aus dem Karwendel an der Grenze zwischen Bayern und Tirol bekannt. Eine 36-Jährige fuhr mit dem E-Mountainbike zum Ausgangspunkt einer Bergtour, stellte das Bike versteckt ab und ging zu Fuss weiter. Als sie zurückkam, waren nach ihrer Schilderung beide Bremsleitungen durchtrennt, ein Bremssattel und ein Bremshebel fehlten. Sie merkte es, bevor sie richtig Fahrt aufnahm, und schob ihr Bike drei Stunden lang ins Tal.
Wer das war und warum, ist offen. Die Polizei vor Ort konnte den Fall nach Medienberichten nicht bestätigen, weil sie das Bike nicht gesehen hatte. Ein Beamter riet trotzdem, so etwas immer anzuzeigen: Nur so lasse sich ein Muster erkennen.
Heilbronn: ein Draht auf 1,20 Metern
Am besten dokumentiert ist ein Fall aus Baden-Württemberg. Am Dachstrail bei Heilbronn, einer bei Bikern beliebten, aber nicht bewilligten Strecke, spannte ein heute 61-jähriger Jagdpächter zwischen Juni und August 2024 mehrfach Drähte über den Weg. Zuletzt ein stabiles Seil in etwa 1,20 Metern Höhe, kaum zu sehen. Ein Biker entdeckte es rechtzeitig, verletzt wurde niemand.
Der Mann gestand. Er habe jahrelang vergeblich versucht, die Biker auf legalem Weg fernzuhalten, um das Wild zu schützen. Die Staatsanwaltschaft klagte wegen versuchten Mordes an. Das Landgericht Heilbronn verurteilte ihn am 28. Juli 2026 unter anderem wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu 15 Monaten bedingt, dazu 8000 Euro an eine Stiftung. Einen Tötungsvorsatz sah es nicht. Ob das Urteil rechtskräftig ist, war bis Redaktionsschluss nicht öffentlich bekannt.
| Dass niemand verletzt wurde, war Glück. Eine Entlastung ist es nicht. |
Kein Einzelfall
In Neukirchen an der Enknach in Oberösterreich spannte 2018 ein Jäger einen dünnen Draht in etwa 1,70 Metern Höhe über einen Waldweg, weil er sich durch Biker und Mopedfahrer gestört fühlte. Eine Radfahrerin entdeckte ihn knapp. Der Mann wurde rechtskräftig zu sechs Monaten bedingt und einer Geldstrafe verurteilt. In der Oberpfalz fuhr im selben Jahr ein 54-jähriger Radfahrer ungebremst in ein gespanntes Nylonseil und wurde schwer verletzt, der Täter bekam gut drei Jahre Haft.
Auch in Übersee gibt es solche Fälle. In North Vancouver in Kanada legte eine Frau zwischen 2013 und 2015 immer wieder Äste, Stämme und Steine auf Trails, darunter eine offiziell anerkannte Bikestrecke. Zwei Biker überführten sie mit versteckten Wildkameras. Sie bekam drei Jahre auf Bewährung und 150 Sozialstunden.
Und die Schweiz? Einen vergleichbaren Gerichtsfall haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden. Das heisst nicht, dass es keine Vorfälle gibt, denn viele werden nie angezeigt. Wenn du selbst etwas erlebt hast, erzähl es uns in den Kommentaren.
Warum es so weit kommt
In Deutschland und Österreich geht es oft um Strecken, die nicht erlaubt sind oder nur geduldet werden. In Baden-Württemberg verbietet die 2-Meter-Regel das Radfahren auf schmalen Waldwegen, in Österreich ist das Fahren im Wald ohne Zustimmung des Waldeigentümers grundsätzlich verboten. Dann schieben Waldbesitzer, Forst, Gemeinde, Jäger und Biker die Verantwortung hin und her, und der Frust wächst.
Die Schweiz ist anders aufgestellt. Das Waldgesetz des Bundes garantiert allen den Zugang zum Wald, wo und wie gefahren werden darf, regeln die Kantone, oft sehr unterschiedlich. Mit dem Veloweggesetz müssen die Kantone bis 2027 ein Velowegnetz planen, das auch den Freizeitverkehr abdeckt, also das Mountainbiken. Konflikte gibt es trotzdem, etwa um gesperrte Wege oder neu signalisierte Fahrverbote.
Illegale Strecken sind aber nicht der einzige Nenner. Die Bikestrecke in North Vancouver war offiziell, und die Frau im Karwendel wusste von keinem Fahrverbot. Der Ärger richtet sich oft gegen Biker als Gruppe, nicht gegen eine bestimmte Strecke. Das erklärt die Taten, es entschuldigt sie nicht.
Was im Kopf passiert
Was bringt einen Menschen dazu, eine Falle zu bauen, die einen Unbekannten schwer verletzen kann? Eine Ferndiagnose wollen und können wir nicht stellen. Die Psychologie kennt aber Mechanismen, die in solchen Konflikten immer wieder eine Rolle spielen.
Ohnmacht kippt in Aggression. Wer das Gefühl hat, nichts bewirken zu können, sucht manchmal einen anderen Weg, die Kontrolle zurückzuholen.
Selbstjustiz wächst, wo der Staat als machtlos erlebt wird. Dann übernimmt jemand selbst die Rolle von Polizei und Richter. Der Rechtsstaat lehnt das ab, weil dann niemand mehr prüft, wer schuld ist und was angemessen wäre.
Revierdenken. Menschen verteidigen Räume, die ihnen nicht gehören, als wären es ihre eigenen. Ein bekanntes Experiment aus den USA zeigte, dass Autofahrer einen Parkplatz langsamer räumen, wenn jemand darauf wartet, obwohl sie damit selbst Zeit verlieren. Wer einen Wald seit Jahren als sein Revier erlebt, reagiert auf Eindringlinge empfindlich.
Das Opfer bleibt abstrakt. Eine Falle trifft nicht einen bestimmten Menschen, sondern «die Biker». Der Täter sieht nicht, wer stürzt. Das senkt die Hemmschwelle.
| Eine Falle trifft nicht den Biker, über den man sich geärgert hat. Sie trifft, wer zufällig als Nächstes kommt. |
Ein Blick nach Zürich: Giftköder
Dasselbe Muster kennt man in der Schweiz von Giftködern gegen Hunde. Menschen ärgern sich über eine Gruppe, etwa über Hundekot oder Gebell, und legen anonym etwas aus, das tödlich sein kann. Getroffen wird, wer zufällig vorbeikommt.
Als die Kantonspolizei Zürich vor einigen Jahren eine Frau festnahm, die Giftköder ausgelegt haben soll, ordnete die Psychologin Andrea M. Beetz die möglichen Motive ein: Abneigung gegen die Tiere oder ihre Halter, der Wunsch nach Macht und Einfluss, eine Lebenskrise, in der jemand seine Aggression nicht mehr im Griff hat, und eine gestörte Empathie.
Der Vergleich zeigt das Muster, er setzt die Täter nicht gleich. Er macht aber deutlich, was beide Fälle verbindet: Am Ende kann es jeden treffen, auch Kinder oder Spaziergänger, die mit dem ursprünglichen Ärger nichts zu tun haben.
Was Juristen sagen
Die Linie ist überall dieselbe: Ein Fahrverbot zu missachten, ist eine Übertretung, die mit einer Busse geahndet wird. Eine Falle zu bauen, ist je nach Folgen eine Straftat, von Sachbeschädigung bis zur Körperverletzung oder Gefährdung des Lebens. Der Rostocker Strafverteidiger Thomas Penneke ordnete das Heilbronner Urteil so ein: Dass niemand verletzt wurde, sei Glück und keine Entlastung, der richtige Weg führe über Anzeige, Behörden und Eigentümer.
Was du tun kannst
- Augen auf in der Dämmerung und auf unbekannten Trails. Drähte sind bei schlechtem Licht kaum zu sehen. Fahr Strecken, die du nicht kennst, langsamer an.
- Bremsen checken nach jeder Pause. Stand dein Bike unbeaufsichtigt, etwa bei einer Bike-and-Hike-Tour, zieh vor der Abfahrt einmal kräftig an beiden Bremshebeln.
- Falle gefunden? Anhalten, Nachfolgende warnen, Fotos machen, den Ort per GPS festhalten und die Polizei rufen (117). Wenn du die Falle entfernst, fass Draht und Bauteile möglichst mit Handschuhen an und bewahre sie als Beweismittel auf.
- Anzeigen, auch wenn nichts passiert ist. Nur so erkennt die Polizei ein Muster.
- Warne andere, aber mit gesicherten Infos. Sag deiner Bike-Gruppe oder dem örtlichen Verein Bescheid. Unbestätigte Warnketten per Messenger sorgen schnell für Fehlalarm.
- Bring dich bei der Planung ein. Die Kantone planen gerade ihre Velowegnetze. Lokale Bike-Vereine und Trail-Initiativen sind die Stimme der Biker in diesen Verfahren.
Hilfe, wenn ein Konflikt über den Kopf wächst
Dieser Abschnitt richtet sich an alle, auch an diejenigen, die selbst merken, dass ihre Wut über Biker, Nachbarn oder andere Waldnutzer zu gross wird.
- Reden hilft: Die Dargebotene Hand ist unter 143 rund um die Uhr und anonym erreichbar, auch per Chat und Mail. Für Kinder und Jugendliche gibt es die 147 von Pro Juventute.
- Professionelle Unterstützung: Die Hausärztin oder der Hausarzt ist eine gute erste Anlaufstelle und kann an Psychotherapie weiterverweisen.
- Den Konflikt selbst lösen: Gemeinde, Forstrevier, Waldeigentümer oder Polizei sind die richtigen Ansprechpartner. Gemeinsame Lösungen bringen alle Seiten an einen Tisch.
Warum das so ist
Fallen gegen Mountainbiker entstehen selten aus dem Nichts. Hinter den bekannten Fällen steht meist ein Konflikt, der lange schwelt, und das Gefühl, dass sich niemand zuständig fühlt. Die Schweiz hat mit dem Betretungsrecht und dem Veloweggesetz bessere Voraussetzungen als ihre Nachbarn. Ob das reicht, hängt davon ab, wie die Kantone ihre Netze planen und ob Biker, Jäger und Waldeigentümer dabei wirklich mitreden.
| Offene Frage: Gibt es in der Schweiz weniger Fallen oder werden sie nur seltener angezeigt? |
Bist du selbst schon auf eine Falle oder ein bewusst gelegtes Hindernis gestossen? Erzähl davon in den Kommentaren unter diesem Artikel.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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