Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Für viele Bikerinnen und Biker aus Basel, Schaffhausen oder Zürich ist der Schwarzwald das nächste Mittelgebirge. Dort gilt eine Regel, die man aus der Schweiz so nicht kennt: Radfahren auf Waldwegen unter zwei Metern Breite ist verboten. Der Deutsche Alpenverein und der DIMB wollten das ändern. Die Landesregierung in Stuttgart hat jetzt klargemacht, dass alles bleibt, wie es ist.
Was im Nachbarland gilt
Die sogenannte 2-Meter-Regel steht seit 1995 im Landeswaldgesetz von Baden-Württemberg. Sie verbietet das Velofahren auf allen Waldwegen, die schmaler als zwei Meter sind. Damit sind genau die Singletrails gemeint, also die schmalen Pfade, für die man überhaupt in den Wald fährt. Einzelne Wege kann die Forstbehörde per Ausnahmebewilligung freigeben. Nach Angaben des Alpenvereins gibt es eine solche Breitenvorgabe in keinem anderen deutschen Bundesland.
Wer als Gast aus der Schweiz im Südschwarzwald unterwegs ist, fährt also auf dieselben Regeln auf wie die Einheimischen. Ein Verstoss ist eine Ordnungswidrigkeit, vergleichbar mit einer Übertretung bei uns. Bei einer Kontrolle droht eine Busse. Das gilt auch für E-Mountainbikes, die rechtlich als Velos gelten.
Die Begründung aus Stuttgart
Vor den Sommerferien haben der Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Alpenvereins (DAV) und der Deutsche Interessenverband Mountainbike (DIMB) die zuständigen Ministerinnen angeschrieben, mit Studien, Zahlen und einem Reformvorschlag. Die Antwort von Landwirtschaftsministerin Gentges ist nicht veröffentlicht, der DAV gibt sie aber ausführlich wieder. Demnach sei die Beibehaltung der Regel nicht allein fachlich begründet, sondern auch Ausdruck demokratischer Willensbildung im Land.
| «Nicht allein fachlichen Erwägungen geschuldet, sondern auch Ausdruck demokratischer Willensbildung im Land.»Begründung der Landesregierung, wiedergegeben vom DAV-Landesverband Baden-Württemberg |
Als fachliche Gründe nennt die Ministerin laut DAV Konflikte mit Wandernden und den Wildschutz. Die Verbände hatten dazu Daten vorgelegt: In einer grossen Befragung der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg fühlten sich nur 7 Prozent der Waldbesuchenden von anderen Gruppen gestört. Eine Wildkamera-Studie der Hochschule Rottenburg fand keinen statistischen Zusammenhang zwischen Bikern und dem Verhalten der Tiere. Diese Studie sei zwar bekannt, lasse sich aber nicht verallgemeinern, heisst es aus Stuttgart. Gleichzeitig dient das Auerhuhn, das im Land nur an wenigen Orten vorkommt, als Argument für eine Regel, die überall gilt.
Graubünden macht es anders
Aus Schweizer Sicht wirkt die Diskussion fast exotisch. Bei uns regeln die Kantone, wo gefahren werden darf, und kaum irgendwo ist die Breite eines Weges das Mass aller Dinge. Graubünden setzt auf die gemeinsame Nutzung der Wanderwege und mit der Kampagne «Fairtrail» auf Rücksicht statt Breitenmass. Bemerkenswert: Genau dieses Modell nennt der DIMB selbst seit Jahren als vorbildliches Beispiel dafür, wie moderner Mountainbike-Tourismus funktioniert.
Der Unterschied liegt im Ansatz. Graubünden fragt, wie sich Menschen auf dem Trail begegnen. Baden-Württemberg misst den Boden. Wer im Schritttempo über einen 1,90 Meter breiten Pfad rollt, begeht dort eine Ordnungswidrigkeit. Wer mit Vollgas eine breite Forststrasse hinunterfährt, nicht.
370 Kilometer für ein ganzes Land
Die Ministerin verweist auf 370 Kilometer legale Singletrails, die über Runde Tische ausgebaut werden sollen. DAV und DIMB schätzen die schmalen Waldwege im Land auf rund 50’000 Kilometer. Freigegeben ist also weniger als ein Prozent. Laut DAV konzentrieren sich die legalen Trails auf Baiersbronn, die Region Freiburg und den Rems-Murr-Kreis. Im Schwarzwald-Baar-Kreis, also direkt nördlich von Schaffhausen rund um Blumberg, Donaueschingen und Villingen-Schwenningen, gibt es keinen einzigen.
Jede Freigabe ist ein Kraftakt. Die Stadt Stuttgart rechnet laut den Verbänden pro Trail mit rund 30’000 Euro (etwa 28’000 Franken) allein für Gutachten und Planung. Das Vorzeigeprojekt in Baiersbronn brauchte acht Jahre bis zur Bewilligung.
| «Wer für jeden einzelnen Weg eine Sonderregelung schaffen muss, hält an einem Verfahren fest, das in der Fläche offensichtlich nicht funktioniert.»DIMB, Mitteilung vom 23. September 2026 |
Gefahren wird trotzdem. Eine Untersuchung der Universität Bayreuth hat 275 Touren entlang der Grenze zu Bayern ausgewertet: Schmale Waldwege werden in Baden-Württemberg genauso oft befahren wie in Bayern, wo es keine solche Regel gibt. DAV und DIMB fordern deshalb, das System umzudrehen: grundsätzlich offen, gesperrt nur dort, wo es einen nachvollziehbaren Grund gibt. Das ist im Kern das, was Graubünden längst lebt.
Was das für Gäste aus der Schweiz heisst
Wir sind ein Magazin und keine Rechtsberatung, und wir sagen dir nicht, wo du fahren sollst. Aber du solltest wissen, worauf du dich einlässt.
Busse und Haftung. Neben der möglichen Busse gibt es ein Risiko, das viele unterschätzen: Laut DAV und DIMB kann die Regel im deutschen Zivilrecht als Schutzgesetz wirken. Verletzt du auf einem schmalen Weg einen Fussgänger, haftest du unter Umständen stärker. Ob deine Versicherung im Ausland zahlt und unter welchen Bedingungen, klärst du am besten vor der Tour mit ihr.
Trailbau ist tabu. Wer eigenmächtig Wege anlegt oder Sprünge baut, ist nicht mehr im Bereich einer Ordnungswidrigkeit. Das kann als Sachbeschädigung strafbar sein. DAV und DIMB distanzieren sich klar davon, und wir tun das auch.
Legal fahren. Wer auf der sicheren Seite sein will, findet rund um Freiburg und in Baiersbronn freigegebene Netze. Und im Bikepark Todtnau bist du ohnehin auf legalem Terrain.
Wie es weitergeht
Der DIMB will seine Strategie anpassen und mit dem DAV Baden-Württemberg weiter mit der Landesregierung sprechen. Dass Bewegung möglich ist, zeigt Nordrhein-Westfalen: Dort wurden in einem neuen Gesetzesentwurf viele Vorschläge des DIMB übernommen. In Stuttgart dagegen bleibt es vorerst bei zwei Metern. Für Schweizer Gäste heisst das: den Schwarzwald geniessen, die Regeln kennen und im Zweifel wissen, dass es auch anders geht. Man muss nur ein paar Kilometer weiter südlich schauen.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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