Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Stoll baut das erste Serienbike in der neuen Grösse, Robin Gemperle hat darauf das Unbound XL gewonnen. Jetzt kommen die Reifen. Was heisst das für alle anderen?
von Robert Langer
Während im Rest Europas noch über 32 Zoll diskutiert wird, liegen die zwei wichtigsten Antworten längst in der Schweiz. Stoll Bikes aus dem Zürcher Umland verkauft mit dem P32 eines der ersten Serienbikes in der neuen Laufradgrösse. Und Robin Gemperle hat auf 32-Zoll-Laufrädern das Unbound XL gewonnen, 356 Meilen durch die Flint Hills von Kansas, bei den schlammigsten Bedingungen seit Jahren, in 21 Stunden und 16 Minuten.
Jetzt zieht die Reifenindustrie nach. Schwalbe hat die ersten Gravelreifen in 32 Zoll angekündigt. Damit ist das Thema endgültig aus der Prototypenphase heraus. Zeit für eine nüchterne Einordnung, und zwar nicht aus Sicht des Rennfahrers, sondern aus Sicht von uns allen.
Was Schwalbe ankündigt
Zwei bekannte Gravelprofile kommen in die neue Grösse: G-ONE RS PRO und G-ONE RX PRO, jeweils in 50 und 55 mm Breite. Erhältlich ab April 2027, passende Schläuche gleichzeitig. Verschiedene MTB-Reifen in 32 Zoll sollen ebenfalls folgen, Details nennt Schwalbe noch nicht.
Technisch steckt alles in einer Zahl: 686 mm ETRTO-Durchmesser. ETRTO ist das genormte Mass, an dem du erkennst, ob ein Reifen auf deine Felge passt. Dein Gravelbike fährt 622 mm, jedes 29er-Mountainbike ebenfalls. 686 mm bedeuten also 64 mm mehr Durchmesser. Das ist kein Upgrade, das ist ein neues Bike: Rahmen, Gabel, Laufräder, alles neu.
Der wichtigste Punkt steht zwischen den Zeilen. Die ersten 32-Zoll-Gravelbikes kommen schon im Herbst 2026, die passenden Reifen aber erst im April 2027. Ein gutes halbes Jahr, in dem frühe Käufer mit dem fahren, was ab Werk montiert ist.
Anständig ist, dass Schwalbe die eigene Skepsis offen anspricht. «Anfangs waren wir skeptisch, ob 32 Zoll eine sinnvolle Ergänzung ist. Doch je mehr wir getestet haben, desto eindeutiger fiel das Fazit aus: Wer auf 32 Zoll fährt, spürt definitiv einen Unterschied», sagt Felix Schäfermeier, Head of Product Management bei Schwalbe. Im Januar klang das Unternehmen noch deutlich vorsichtiger.
Das Schweizer Preisschild
Wer wissen will, was der Einstieg in eine neue Laufradgrösse real kostet, muss nicht spekulieren, sondern kann bei Stoll nachschauen. Das P32 gibt es als Rahmenkit ab rund 5.000 Franken, komplette Bikes reichen bis etwa 14.000 Franken. Der Carbonrahmen wiegt rund 1.750 Gramm, wahlweise mit 100 oder 120 mm Federweg. Erhältlich ist das Bike in den Grössen M und L, ausgelegt für Fahrerinnen und Fahrer zwischen 170 und 192 cm.
Zwei Dinge lohnen an diesen Zahlen einen zweiten Blick. Erstens die Preisklasse: 32 Zoll startet dort, wo die allermeisten von uns nie einkaufen. Zweitens die Grössenpalette. M und L, und das war es. Wer kleiner als 170 cm ist, kommt in dieser Rechnung schlicht nicht vor. Genau das ist der wunde Punkt der ganzen Debatte, und er wird von der Branche gerne überhört.
| M und L, ausgelegt für 170 bis 192 cm. Wer kleiner ist, kommt in dieser Rechnung schlicht nicht vor. |
Die Physik, kurz erklärt
Kompliziert ist das nicht, und es ist dieselbe Rechnung wie damals beim Wechsel von 26 auf 29 Zoll. Ein grösseres Rad trifft eine Wurzel oder eine Kante in einem flacheren Winkel und rollt darüber, statt dagegen zu stossen. Dazu kommt eine längere Aufstandsfläche, also mehr Traktion und mehr Ruhe im Bike. Schwalbe nennt für den Graveleinsatz genau das: stabileres Fahrverhalten, mehr Grip, mehr Komfort. Gemperle hat es nach dem Unbound schlicht so formuliert: die Laufräder seien über alles hinweggerollt.
Der Preis dafür ist ebenso klar. Mehr Material heisst mehr Gewicht, und das sitzt aussen am Rad, wo es am meisten stört. Rotierende Masse musst du bei jeder Beschleunigung neu in Schwung bringen. Dazu kommen ein höheres Vorderende, mehr Platzbedarf im Rahmen und weniger Handlichkeit in engen Kehren. Im Engadin auf langen, offenen Abfahrten ist das ein guter Tausch. Auf einem verwinkelten Trail im Jura eher nicht.
Was die Szene sagt
Der Grundton in den Foren ist skeptisch, mit einem klaren Verdacht: Hier treibt die Industrie, nicht der Fahrer. In einer Phase, in der viele mit dem Bikekauf zögern, kommt die nächste Neuerung gerade recht. Der Einwand ist berechtigt. Er war allerdings auch beim 29er da, der heute Standard ist.
Der ehrlichste Satz der Debatte stammt aus einem Forum und lautet sinngemäss: viel Meinung, wenig Erfahrung. Wer mehrere 32er tatsächlich gefahren ist, berichtet nüchterner. Die Nachteile bei Agilität, Geometrie, Passform, Beschleunigung und Gewicht wögen schwerer als der leichte Vorteil beim Überrollen, und die theoretische Effizienz sei selbst auf direkt aufeinanderfolgenden Runden kaum spürbar.
Dazu eine Rechnung, die in der ganzen Aufregung untergeht. Brachte 29 Zoll gegenüber 26 Zoll rund ein Prozent, und nimmt man dasselbe eine Prozent für 32 Zoll an, wären das bei einem viereinhalbstündigen Rennen unter drei Minuten. Am Podest hätte das nichts geändert. Der stärkere Fahrer gewinnt weiterhin.
Das stärkste Argument für die neue Grösse hat mit Rennsport ohnehin nichts zu tun. Wer klein ist, kann heute zwischen 26, 27,5 und 29 Zoll wählen oder ein Mullet-Setup fahren, also grosses Vorderrad und kleineres Hinterrad. Wer 1,95 m gross ist, hatte bisher genau eine Option. Für diese Fahrer ist 32 Zoll keine Mode, sondern endlich eine passende Grösse.
| Ein Konstrukteur, der selbst ein 32-Zoll-Bike gebaut hat, sagt es klar: unter 170 cm wird das nichts, Rahmengrösse S ist kaum machbar. |
Vier Haken, die im Marketing fehlen
- Die Reifenlücke. Bikes ab Herbst 2026, Reifen ab April 2027. Wer jetzt kauft, ist an die Erstausrüstung gebunden.
- Ersatz unterwegs. Ein Reifenschaden am dritten Tag einer Alpentour ist mit 29 Zoll ein Ärgernis. Mit 32 Zoll ist er 2027 ein Abbruch, weil kein Händler im Tal einen im Regal hat.
- Der Preis. Rund 5.000 bis 14.000 Franken für das erste Serienbike. Das ist kein Preis für Normalfahrer, sondern für Frühentschlossene mit Budget.
- Die Technik ist nicht fertig. Der Laufradhersteller Newmen hat über 60 Laufradkonfigurationen im Labor und 20 in der Praxis untersucht. Ergebnis: Ein 29er-Design einfach hochzuskalieren reicht nicht. Ohne angepasste Naben- und Geometriestandards zahlst du mit Steifigkeit und Haltbarkeit.
Kaufst du jetzt noch ein 29er?
Ja, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Die Einordnung nach Fahrertyp:
- Einsteiger und Amateure bis etwa 1,80 m: Kauf, was jetzt passt. 29 Zoll und 700c bleiben auf Jahre der Standard mit der grössten Auswahl, den besten Preisen und Reifen in jedem Geschäft.
- Über 1,85 m, viel Marathon, Gravel oder Bikepacking: Hinschauen lohnt. Steht der nächste Bikekauf ohnehin erst 2027 oder 2028 an, warte ab und fahr vorher Probe.
- Rennfahrer: Testen. Ein Prozent ist im Rennen ein Prozent, auch wenn es das Rennen selten entscheidet.
- Wer bereits ein konkretes Bike im Auge hat: Kaufen. Ein gutes Bike wird nicht schlechter, weil daneben etwas Grösseres steht.
Die Schweiz ist bei diesem Thema weiter als der Rest Europas, und das ist erst einmal eine gute Nachricht. Ein Serienbike, ein Sieg beim härtesten Gravelrennen der Welt, und jetzt die Reifen. 32 Zoll hat sich den Respekt verdient.
Respekt heisst aber nicht Pflicht. Was an der Debatte stört, ist nicht die Laufradgrösse, sondern die stille Erwartung, dass die Szene alle paar Jahre neu kauft, damit die Bilanzen stimmen. Grosse Räder gehören auf den Trail und nicht in eine Verkaufsunterlage. Wenn 32 Zoll gut ist, setzt es sich durch, weil Fahrer es wollen. Und wenn nicht, ist auch das eine Antwort.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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