Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Fox hat mit «TS57» die Signature-Kollektion von Downhill-Star Tahnée Seagrave veröffentlicht. Schaut man genau hin, ist das mehr als Bike-Bekleidung: ihr Signature-Pink, ein babyblauer Gruss an ein Kindheitsidol und das Alpendorf, das sie geprägt hat. Wir erzählen die Geschichte hinter den Farben, zwischen London, den Bergen, Regenbogenstreifen und einem verdammt langen Weg zurück.
Ein Trikot ist selten nur ein Trikot
Man kann so eine Signature-Kollektion als cleveres Marketing abtun. Man kann aber auch genauer hinschauen – und dann liest sie sich wie ein Tagebuch. «TS57» steht für Tahnée Seagrave, eine der prägenden Figuren im Downhill, jenem Rennsport, bei dem es auf Zeit steil den Berg hinunterläuft. Das Set, Trikot, Hose, Goggle und Co. – kommt in ihrem unverkennbaren Pink, gesetzt mit babyblauen Akzenten. Beide Farben haben eine Geschichte. Und die beginnt nicht auf einem Podium, sondern mit einem Umzug.
Ein Londoner Mädchen in den Alpen
Geboren wird Tahnée am 15. Juni 1995 im Süden Londons. Mit acht Jahren zieht die Familie – Vater Tony, früher BMX-Racer, Mutter Joanne – in die französischen Alpen, nach Saint-Jean-d’Aulps. Das kleine Dorf im Vallée d’Aulps liegt in der Region Portes du Soleil, einen Steinwurf von Morzine und legendären Weltcup-Strecken wie Les Gets entfernt. Genau dieser Ort ist gemeint, wenn die Kollektion vom Umzug der Familie erzählt: Bei den Seagraves steigen Profis im Chalet ab, die junge Tahnée schnappt sich ein Rad und hört nicht mehr auf. 2007 beginnt sie mit dem Downhill. Die Alpen sind ihr Spielplatz, und der Traum ist geboren.
«Follow my Dream» – eine Familie baut ein Team
Profisport kostet Geld, gerade im Downhill. Also gründet die Familie 2009 kurzerhand ihr eigenes Team: «Follow my Dream», kurz FMD, gebaut, um Tahnée und den kleinen Bruder Kaos ins Rennen zu bringen. Diese DNA – Familie, Handarbeit, kein Schnickschnack, zieht sich bis heute durch alles. 2013 folgt der Durchbruch: Mit 18 wird Tahnée in Pietermaritzburg Junioren-Weltmeisterin und darf die Regenbogenstreifen tragen, jenes Trikot, das weltweit nur die amtierenden Weltmeisterinnen und Weltmeister anziehen.
An der Weltspitze – und die Sache mit Pink
Es folgen die grossen Jahre: zahlreiche Weltcup-Siege und mehrere WM-Medaillen. In der Lenzerheide etwa holt sie 2018 WM-Silber – und 2025 einen Weltcup-Sieg, mitten in Graubünden. Zweimal verpasst sie den Weltcup-Gesamtsieg nur knapp – 2017 gegen Myriam Nicole, 2018 gegen die schier unschlagbare Rachel Atherton. Und weil sie schnell fährt und dabei konsequent Pink trägt, wird die Farbe zu ihrem Markenzeichen. Genau dieses Pink prägt heute die TS57-Kollektion. Kein Zufall, sondern Signatur.
Der lange Weg zurück
Dann kommt der Teil der Geschichte, der weh tut. 2019 wirft sie ein schwerer Trainingssturz in Fort William zurück – Schulter, Operation. 2020 kostet ein gebrochenes Bein fast die ganze Saison. Und dann folgt das dunkelste Kapitel: ein Sturz mit Kopfverletzung, dazu offen benannte mentale Belastungen, eine Zeit, in der plötzlich nicht nur die Karriere, sondern vieles infrage steht. Drei lange Jahre ohne Sieg.
Am 15. Juni 2024 – ihrem 29. Geburtstag, schliesst sich der Kreis. Auf der berüchtigten «Black Snake» von Val di Sole, nass und gemein, fährt Tahnée ihren ersten Weltcup-Sieg seit drei Jahren heraus. Ein Lauf, nach dem am Ziel die Tränen fliessen. Wenig später holt sie WM-Bronze. Aufgegeben hatte sie sich nie.
| «Babyblau für die Heldin, Pink für sie selbst – und die Alpen für den Anfang.» |
Babyblau – eine Verbeugung
Und jetzt ergibt das Babyblau Sinn. Es ist ein Gruss an Vanessa Quin, die Neuseeländerin, die 2004 als erste Kiwi Elite-Downhill-Weltmeisterin wurde – auf ihrem babyblauen Intense, und zwar in Les Gets, exakt jener Strecke neben Tahnées Alpen-Zuhause. Auch Quin hatte sich zuvor zurückgekämpft, nach gebrochenem Genick. Das Babyblau auf Pink ist also keine Deko, sondern eine Verneigung: vor einem Comeback, auf dem Berg, der Tahnée geprägt hat. (Die Kollektion datiert Quins Bike auf 2003; ihr grosser Titel fiel 2004 – in Les Gets.)
Wo sie heute steht
2025 baut FMD gemeinsam mit Orbea das ganze Team um einen brandneuen Prototyp herum neu auf, den Orbea Rallon DH – Projektname «The Gravity Cooperative». Ausgerechnet beim Weltcup-Debüt des Projekts, im polnischen Schlamm, holt Tahnée den Sieg; weitere folgen. 2026 wird es härter: Mitten in der Saison zieht sie die Reissleine und macht öffentlich, dass sie erst richtig gesund und stark werden will, statt sich verletzt durch die Rennen zu quälen.
Und genau deshalb ist die TS57-Kollektion kein Triumphzug, sondern ein Statement: Das hier bin ich, das ist, woher ich komme, und das sind die, die mich getragen haben. Babyblau, Pink, die Alpen. Den Rest der Geschichte schreibt Tahnée Seagrave gerade weiter – Follow my Dream, wie eh und je.
Saint-Jean-d’Aulps, 28. August 2026 · von Robert Langer
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