Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Neues Stereo, zurückgeholtes Fritzz, neu entwickeltes Two15: Cube stellt für 2027 das ganze Mountainbike-Programm um. Die wichtigste Entscheidung steckt aber nicht im Federweg, sondern in zwei Öffnungen hinter dem Steuerrohr. Wer im Bergtal wohnt und den nächsten Fachbetrieb nicht um die Ecke hat, versteht sofort, warum das mehr wert ist als jedes Kinematik-Diagramm.
von Robert Langer
Was «Zugverlegung durch den Steuersatz» überhaupt bedeutet
Der Steuersatz besteht aus zwei Lagern, die die Gabel im Rahmen halten. Mehr passiert dort eigentlich nicht. Seit einigen Jahren führen immer mehr Hersteller die Bremsleitungen und Schaltzüge aber nicht mehr durch Öffnungen im Rahmen, sondern durch genau diesen Steuersatz. Möglich macht das ein Kunststoffteil zwischen Gabelschaft und Lager, durch das die Leitungen laufen.
Optisch ist das Ergebnis makellos. Praktisch hat es eine Konsequenz, die erst beim ersten Service auffällt: Wer die Gabel ausbaut, den Vorbau wechselt, Spacer umsetzt oder eine Bremsleitung kürzt, muss den Steuersatz öffnen. Eine Arbeit von zehn Minuten wird zum Eingriff an der kompletten Front des Rades.
Warum das in der Schweiz stärker ins Gewicht fällt
Der technische Ärger ist überall derselbe. Alle Leitungen müssen beim Zusammenbau zurück in die Aussparungen des Kunststoffteils, die Lagerabdeckung greift über einen Stift, und weil dauernd Zug auf den Leitungen liegt, wird das zur Geduldsübung. Wie Fahrerinnen und Fahrer in einschlägigen Foren berichten, dauert der Gabelausbau bei aussen verlegten Leitungen wenige Minuten, bei Steuersatzführung ein Vielfaches. Dazu kommen Klagen über weiche Kunststoffringe und über Lager, die nicht mehr so lange halten wie früher.
Der Schweizer Unterschied liegt woanders. Erstens bei den Werkstattpreisen: Jede zusätzliche Arbeitsstunde schlägt hier spürbarer durch als anderswo. Zweitens bei der Erreichbarkeit. Wer im Engadin, im Prättigau oder in einem der Seitentäler wohnt, hat den nächsten gut ausgerüsteten Velomechaniker nicht in Gehdistanz. Eine Reparatur, die man selber machen könnte, ist dort keine Frage des Stolzes, sondern eine Frage von einem halben Tag und einer Passfahrt.
| Selber schrauben ist im Bergtal keine Freizeitbeschäftigung, sondern Infrastruktur. |
Was Cube für 2027 macht
Bei den Rädern ohne Motor entfallen die Federwegszusätze One22 bis One77. Das neue Stereo deckt mit 150 Millimetern vorn und 145 hinten den Trailbereich ab, darüber steht das Fritzz mit 170 Millimetern und High-Pivot-Hinterbau, zuoberst das neu entwickelte Two15 mit 200 Millimetern. Das Stereo kommt wahlweise als C:62 mit Vollcarbonrahmen oder als HPC mit Carbon-Hauptrahmen und Aluminium-Hinterbau.
Ab Werk laufen die Leitungen weiterhin durch den Steuersatz. Neu ist die Alternative: Stereo und Fritzz haben klassische Zugeingänge hinter dem Steuerrohr, über die sich servicefreundlich umrüsten lässt, beim Two15 gilt dasselbe Prinzip. Das ist im Rahmen vorgesehen und betrifft die ganze Palette, nicht bloss die teuren Ausstattungsvarianten.
Zur Einordnung der Preise: Cube nennt für das Stereo HPC Race eine Empfehlung von 1.999 Euro, für das Fritzz TM 2.999 Euro und für das Two15 SLX 3.999 Euro. Die Schweizer Listenpreise werden separat festgelegt und weichen erfahrungsgemäss ab — fragt vor dem Kaufentscheid beim Schweizer Fachhandel nach den gültigen Frankenpreisen.
Grosszügigkeit ist das nicht
Zusätzliche Öffnungen im Rahmen sind teuer. Sie kosten Entwicklungszeit, müssen in der Form berücksichtigt und in der Festigkeitsprüfung mitgetragen werden, und sie erzeugen Kleinteile, die gelagert und nachgeliefert werden müssen. Wer das einplant, hat vorher entschieden, dass die Zielgruppe es ausdrücklich verlangt.
Der Zusammenhang mit der Modellstraffung ist direkt: Wenn vier Baureihen auf einer Plattform zusammengeführt werden, muss diese Plattform anschliessend beide Lager bedienen — die cleane Optik und die Schraubertauglichkeit. Wahlfreiheit ist in dieser Rechnung kein Entgegenkommen, sondern der Preis der Vereinheitlichung.
Was ihr vor dem Kauf klären solltet
- Fragt beim Fachhandel nach dem konkreten Modell. Serie ist die Steuersatzführung, die Alternative existiert, ist aber nicht der Auslieferungszustand.
- Klärt die Frankenpreise und die Verfügbarkeit direkt vor Ort — die Euro-Empfehlungen des Herstellers sind für die Schweiz nur ein Anhaltspunkt.
- Wenn ihr umrüsten wollt, lasst es gleich beim Aufbau machen. Später bedeutet es Leitungen kürzen, Bremse entlüften und eine zusätzliche Rechnung.
- Rechnet die Steuersatzlager als Verschleissteil ein und haltet das Wartungsintervall ein. Ein festsitzendes Lager kann im schlimmsten Fall den Gabelschaft beschädigen.
- Beim Occasionskauf ist die entscheidende Frage nicht der Kilometerstand, sondern wie oft die Front schon offen war.
Unsere Einordnung
Ein Loblied auf Cube ist das nicht. Ausgeliefert wird weiterhin mit Leitungen im Steuersatz, und ein Hersteller, der eine Alternative einbaut, hat die Kritik nicht zugegeben, sondern einkalkuliert. Wahlfreiheit ist kein Rückzug.
Richtig ist die Bewegung trotzdem, und sie kommt an der richtigen Stelle an: in der Grossserie, nicht im Prototypenregal. Ob daraus ein Branchentrend wird, lässt sich heute nicht seriös behaupten. Fest steht nur, dass zum ersten Mal ein grosser Anbieter auf die seit Jahren gleiche Kritik nicht mit einem Text über Ästhetik antwortet, sondern mit zwei Öffnungen im Rahmen.
Für uns ist das die gleiche Haltung, die wir in der Trailpolitik vertreten: Bauen schlägt Verbieten — und bei der Technik heisst das Wählen schlägt Vorschreiben. Ein Rad, an dem man arbeiten kann, wird länger gefahren. Und ein Rad, das länger gefahren wird, ist das bessere Rad.
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